Biggi Sterzer


„Lernen, wie Leben geht”

Minderwertigkeitsgefühle, Perfektionsdrang, Beziehungsprobleme – Biggi Sterzer hat sich in den Alkohol geflüchtet. Und damit aus dem Leben, wie sie heute weiß.

Wie sie ohne Alkohol leben sollte, konnte sich Biggi Sterzer lange nicht vorstellen. Und sie brauchte ihn nicht nur um ihrem Alltag zu entkommen, sondern auch ihren Gefühlen. Schon als Kind fühlte Biggi Sterzer sich oft minderwertig. Ihre Familie war arm, der Vater weit weg, aber seine Ansprüche an die Kinder extrem hoch. Immer wieder gab es Schläge, immer wieder Demütigungen. Das Mädchen versuchte die Liebe des Vaters durch Leistung zu erkaufen, sie wollte perfekt sein.

Als Biggi Sterzer 20 war, heiratete sie und bekam einen Sohn. Die Ehe hielt fast zwei Jahrzehnte, nach der Trennung zog die zierliche Frau nach NRW und wurde Betriebsleiterin in der Kantine eines Krankenhauses. Erfolgreich war sie, arbeitete eigenständig, wohnte alleine. Und so merkte niemand, dass sie nach Feierabend zu trinken begann. Die Sucht kam langsam: Biggi Sterzers neue Beziehung scheiterte, der Partner schlug und beleidigte sie, würgte sie bis zur Bewusstlosigkeit. „Wenn der Mann abends zur Arbeit ging, fing ich an zu trinken. Dann konnte ich alle Schmerzen und Beleidigungen vergessen", erinnert sich die 57-Jährige. Oft hatte sie Schuldgefühle, „Schmerz und Angst waren wie eine Fräse in mir. Es geht beim Trinken nicht um den Geschmack, es geht um die Wirkung: alles ist von mir abgefallen. Und das wollte ich immer wieder. Dabei schmeckt mir Alkohol nicht einmal."

„So kann kein Mensch leben“
„Es hat mich eigentlich nicht mehr gegeben. Wenn es mir gut ging, habe ich getrunken aus Freude. Wenn es mir schlecht ging habe ich getrunken aus Leid."

Ohne Alkohol schleppte sie sich durch den Tag, am Wochenende trank sie „bis es nicht mehr ging." Von Freitagabend bis Sonntagnacht, ohne zu duschen, ohne aufzuräumen. Bis ihr klar wurde: „So kann kein Mensch leben." Eines Tages brach sie weinend in ihrer Küche zusammen, mit dem sicheren Gefühl, dass sie diesen Kampf verlieren werde.

Lange hatte Biggi Sterzer sich abgeschottet, alle sozialen Kontakte gelöst. „Ich wollte niemanden um mich haben, es sollte ja keiner sehen, dass ich trank." Eine Freundin war ihr geblieben und die rief sie an. „Sonja, ich saufe", gestand die zierliche Frau. „Du doch nicht!", war die erste Reaktion. „Doch. Komm her und ich zeige dir, wie ich lebe." Das ganze Wochenende blieb die Freundin und Biggi Sterzer hielt sich kein bisschen zurück. Sie trank bis sie nichts mehr spürte, vergaß, auf Toilette zu gehen, ging mit schmutziger Kleidung ins Bett.

Schlüsselerlebnis mit „Trockenen“
Kurze Zeit später wurde Biggi Sterzer auf die Entgiftungsstation eines Krankenhauses aufgenommen. „Es war ein Freitag, der 8.9.2000. Die Entgiftung war nicht einfach, aber im Nachhinein war sie das Einfachste." Auch eine Therapie bekam Biggi Sterzer, wurde rund um die Uhr betreut. „Die merken, wenn es einem nicht gut geht. Trotzdem habe ich zuerst niemanden an mich heran gelassen." Unfreundlich war sie aus Angst; wenn ein anderer Patient laut wurde, zuckte Biggi Sterzer zusammen. „Ich habe Menschen gehasst, hatte Angst vor ihnen und wollte mit ihnen nichts mehr zu tun haben."

Dann, in einer Therapiegruppe, hatte sie ein Schlüsselerlebnis. Gäste waren da, trockene Alkoholiker/-innen, die von ihrem Leben draußen berichteten und Hilfsangebote vorstellten. „Ich habe begriffen: Diese Leute leben draußen, weil sie nicht trinken. Ich wollte auch wieder Lebensfreude haben, etwas Lebensbejahendes."

Schließlich ging sie zum Blauen Kreuz in der Ev. Kirche nach Bochum-Werne. „Da waren ganz viele Leute, die lustig waren ohne Alkohol. Es war wie nach Hause kommen", erzählt Biggi Sterzer und ihre Augen strahlen dabei. Sicherheit findet sie dort, Schutz und Freundschaft: „Da kann ich sein, wie ich bin."

Parallel dazu machte sie eine Psychotherapie. „Der Therapeut hat mich gelehrt, wie man lebt. Ich habe wieder Selbstwertgefühl bekommen." Dazu musste sie aber erst lernen, was sie überhaupt braucht, was sie will. Und sie musste herausfinden, in welchen Situationen sie trank - und warum. Auch musste Biggi Sterzer lernen, sich ohne Alkohol zu entspannen, ihren Alltag zu bewältigen. „Vorher habe ich nicht gerne gelebt", gesteht die 57-Jährige. Dabei sind ihre Schilderungen lebhaft, ihre Gesten ausdrucksstark, die zierliche Person strahlt heute gelassene Konzentration aus.

Mit sich und mit anderen geduldig geworden
„Heute zerstört es mich nicht mehr wenn Menschen mich nicht mögen. Jeder hat ein Recht darauf jemanden nicht zu mögen." Bevor sie das sagen konnte, musste Biggi Sterzer erst einmal lernen sich selbst anzunehmen, mit allen Fehlern, die sie bis dahin immer verleugnet hatte. „Ich habe zwei Jahre gebraucht, bis ich sagen konnte: ‚Es ist schön, dass es mich gibt.'"

Auch mit anderen Menschen ist sie geduldig geworden. Jetzt ist Biggi Sterzer stellvertretende Landesvorsitzende des Blauen Kreuzes in der Ev. Kirche in Nordrhein-Westfalen. Sie leitet Frauengruppen und geht zur Suchtprävention in Schulen, gibt mehrmals im Jahr Seminare. 2008 bildete sie sich zur Sucht-Präventionskraft fort und setzte den ganzen Jahresurlaub dafür ein. „Das hat ganz viel mit Dankbarkeit zu tun. Ich habe beim Blauen Kreuz in der Ev. Kirche ganz viel Unterstützung bekommen."

Wichtig war ihr mit anderen reden zu können, ohne Angst. „Wenn man Sorgen ausspricht, verlieren sie ihre Macht. Es ist einfach schön, dass es so was wie das Blaue Kreuz in der Ev. Kirche gibt. Hier habe ich meine Liebe zu Menschen wiedergefunden."

Mit 50 flog sie das erste Mal in den Urlaub. „Im Flugzeug habe ich sehr geweint, weil ich das nicht erlebt hätte, wenn ich nicht aufgehört hätte zu trinken. Alkoholismus tötet, aber ich kann ihn stoppen."

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